Bierdiarium

Ein Blog über Bier. Denn Bier birgt Erzählstoff!

geposted am: 23 April 2014 von Lothar 3 Kommentare

Hat das Reinheitsgebot Zukunft?

Sie als Leser wissen es: Bier ist einfach ein wunderbares Getränk! Und heute wollen wir es mal wieder ehren und feiern! Denn heute ist der „Tag des Deutschen Bieres“!

 

Es gibt ihn seit Mitte der 90er und er ist eine Erfindung der Brauer-Lobby. Zum Deutscher Brauer-Bund e. V. gehören Regionalverbände und Fachverbände der Brauwirtschaft und Unternehmen und Gruppen der Brauwirtschaft, die mindestens 3,5 Mio. Hektoliter Bierausstoß jährlich aufweisen. An diesem Tag wird, Sie ahnen es schon, das „Deutsche Reinheitsgebot“ betont und gelobt:
 

Denn am 23. April 1516 wurde das deutsche Reinheitsgebot proklamiert, und seitdem gilt per Gesetz: In unser Bier gehört nur Wasser, Hopfen und Gerste (die Hefe wurde erst später erwähnt, als man in der Lage war, Hefe herzustellen). Dieses älteste Lebensmittelgesetz der Welt feiern die deutschen Brauer Jahr für Jahr mit zahlreichen Veranstaltungen und Festen im ganzen Land.“

 
Auch wenn der Brauer Bund es schreibt, das Reinheitsgebot ist kein Gesetz und rechtlich bindend ist es schon länger nicht mehr.
 
 

Ein Gebot der Vergangenheit?

Böse Zungen behaupten, das Reinheitsgebot ist ein Gebot der Vergangenheit. Denn man kann sich daran halten, muss man aber nicht.

Woran sich ein deutscher Bierbrauer halten muss, ist die Durchführungsverordnung zum Vorläufigen Biergesetz. In den 90er Jahren wurde ein Biergesetz erlassen – dem freien Handel in der EU geschuldet. Die zulässigen Zutaten für Bier wurden im “Vorläufigen Biergesetz” festgehalten. Heute gilt die Bierverordnung die auf die Durchführungsverordnung zum Vorläufigen Biergesetz verweist, was die Zutaten angeht.
 
 

Was steht in der Verordnung?

Strenge Vorschriften gelten eigentlich nur noch für die untergärigen Biere. Aber auch hier gibt es Schlupflöcher.
Zulässig ist heute, wenn ich das richtig recherchiert habe, zum Beispiel Folgendes:
 
• Für obergäriges Bier sind Zuckerarten, Süßstoffe und Farbstoffe erlaubt.
• Hopfenpulver und anderweitig zerkleinerter und vorverarbeiteter Hopfen.
• Als Klärmittel für Würze und Bier dürfen Stoffe verwendet werden, „die mechanisch oder adsorbierend wirken und bis auf gesundheitlich, geruchlich und geschmacklich unbedenkliche, technisch unvermeidbare Anteile wieder ausgeschieden werden.“
• Das Brau-Wasser darf mit in der Trinkwasserverordnung zugelassen Mitteln aufbereitet werden.
 
Diese Verordnung gilt übrigens nur für in Deutschland hergestellte Biere. Wer importiert, kann „anders“ brauen, sagt die EU.
 
Das Reinheitsgebot mit dieser Verordnung gleich zu setzten wäre also etwas ungenau. Denn nach allgemeiner Vorstellung gehört in deutsches Bier nur Hopfen, Malz, Hefe und Wasser. Die oben erwähnen Zuckerarten, Süßstoffe, Farben und Aufbereitungsmittel wie z. B. Chlordioxid zählen da nicht dazu.
An diese Durchführungsverordnung zum Vorläufigen Biergesetz muss sich jeder Brauer halten, weil er sonst mit dem Gesetzt in Konflikt kommt.
 
 

Was ist also vom Reinheitsgebot zu halten?

Wie wir nun wissen, gilt in Deutschland nur dieser Durchführungsverordnung zum Vorläufigen Biergesetz. Sich mit dem Reinheitsgebot zu schmücken ist eine andere Sache. Viele Brauer schreiben es ja gerne auf ihre Flaschen.
 
Die Frage ist nun, ob sie tatsächlich alle nach dem Reinheitsgebot brauen?
 
Ich möchte dazu kurz eine recht junge Anekdote rauskramen:
 

Das Weißbier aus Erding:

Trotz Weizen im Bier hat die Privatbrauerei Erdinger Weissbräu bis vor Kurzem noch mit „getreu dem bayerischen Reinheitsgebot von 1516 “ geworben.
 
Nun ist es aber so, dass im bayerischen Reinheitsgebot von 1516 steht, dass nur Wasser, Hopfen und Gerste zur Bierherstellung verwendet werden darf. Von Weizen war damals keine Rede, weil zu dieser Zeit sollte der wertvolle Weizen nicht zur Bierherstellung verwendet werden, sondern im Backofen landen.
 
Genaueres zum prominenten Beispiel „Erdinger“ kann man recht schön bei der Verbraucherzentrale nachlesen.
 
 

Kein Gesetzt, was dann?

Das Reinheitsgebot ist definitiv kein Gesetzt, sondern ein Relikt, das heute von den Brauern als Marketinginstrument eingesetzt wird. Es ist ein „Siegel“ das sich jeder deutsche Brauer nach belieben auf seine Flasche kleben kann ohne darüber nachzudenken. Das Deutsche Reinheitsgebot ist eine qualitätsversprechende Herkunftsbezeichnung für Bier und damit ein Alleinstellungsmerkmal auf dem Biermarkt. Um so mehr erwarte ich als Verbraucher, dass man es damit auch ernst nimmt. Es ist ein „Siegel“ das sich jeder deutsche Brauer nach belieben auf seine Flasche kleben kann ohne darüber nachzudenken. Und damit will ich jetzt nicht nur Erdinger auf den Fuß treten, sondern denke, jeder Brauer sollte sich mal an die Nase fassen und sich fragen, wie rein ist mein Bier wirklich? Das Reinheitsgebot muss eine „Selbstverpflichtung“ einer Branche sein, bei der die Schlupflöcher in der Durchführungsverordnung zum Vorläufigen Biergesetz ungenutzt bleiben.
 
 

Ein Schatz!

Letztlich ist nämliche diese „Selbstverpflichtung“ eine Entwicklungsumgebung von unglaublicher Kraft: Denn es ist eine Herausforderung und Chance zugleich aus den wenigen und hochwertigen Zutaten qualitative und innovative Biere und Bierstile zu kreieren.
 
Und es geht, beim Einheitspils brechen die Zahlen ein, während gleichzeitig junge Brauer beweisen, was man aus den wenigen Zutaten zaubern kann.
 
In diesem Sinne, PROST!
 

3 Antworten

  1. Michael sagt:

    Ich stimme deinem Beitrag voll und ganz bei, das deutsche Reinheitsgebot ist ein einzigartiges Geschenk der Vergangenheit. Es ist Alleinstellungsmerkmal und (wenn richtig praktiziert) Qualitätsauszeichnung für das Produkt. Dieses Geschenk sollte mit der nötigen Selbstverantwortung behandelt werden, um auch den nachfolgenden Generationen viel Freude zu bereiten.

    • Marc sagt:

      Ich stimme insofern zu, als dass das was 1516 ausgerufen wurde auch dazu dienen kann, keinen Abfall im Bier zu haben. Im Mittelalter war man anscheinend nicht gar so zimperlich was die Inhaltsstoffe eines Bieres anging. Naja, und irgendwelche „Kräuter“, giftiges Zeug etc. muss ja nicht unbedingt in den Gerstensaft mit rein.
      Daher: Reinheitsgebot ja.
      Weiter stimme ich zu, als dass (selbst) auferlegte Begrenzung die Phantasie gewöhnlich nicht abtötet, sondern sie im Gegenteil ankurbelt. Denn wer aus wenigem was zaubern kann, der kommt auch mit vielem klar. Umgekehrt sieht es eher düster aus.
      Ich stimme jedoch nicht zu was die „Qualitätsauszeichnung“ angeht. Denn wenn ich mir die grossen Brauereikonzerne mit ihren „zigtausend Hektoliter 08/15 Plörren“ anschaue, dann verzichte ich zugunsten der Qualität lieber auf ein Siegel. Wenn es dieses mit dazu gibt und es sogar noch stimmt, ja warum denn nicht?

      Toller Blog übrigens mit ansprechenden Verkostungen, ich bin da noch keine Konkurrenz. 😉

  2. […] dass einige Hersteller beim Reinheitsgebot – sowohl in der Flasche, als auch auf dem Etikett – viel Interpretationsspielraum sehen.   Auf jeden Fall werden uns in diesem Jahr einige Jubiläumsbiere begegnen. Eines davon ist […]

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