Bierdiarium

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Bald ist es soweit: Wir feiern 500 Jahre Bayerisches Reinheitsgebot!

geposted am: 4 März 2016 von Lothar bisher keine Kommentare

Das Bayerische Reinheitsgebot ist eine Idee, die dafür steht, dass Bier per se nur aus den drei magischen Zutaten + Hefe besteht. Also letztlich ist das Reinheitsgebot auch eine bayerische Definition für Bier. Eine erstaunlich leckere Definition mit der man eine verblüffende Biervielfalt kreieren kann – die bei Weitem noch nicht ausgeschöpft ist.
 
Reinheitsgebot
 
Gerade jetzt wo das Bayerische Reinheitsgebot 500 Jahre alt wird, muss man genau hinsehen, denn offenbar verwechseln manche Brauer und Bierfans da zwei grundlegende Dinge.
 
 

Vorsicht Denkfehler: Das Reinheitsgebot ist nicht das vorläufige Biergesetz

 

Bei der ganzen Diskussion um die 500-Jahrfeier des Bayerischen Reinheitsgebots wird von mehreren Seiten Verwirrung gestiftet. Ich möchte drei Beispiele nennen:
 
 

Das Reinheitsgebot ist das älteste, noch unverändert gültige Verbraucherschutzgesetz der Welt“

sagt Walter König vom Brauerbund.
 
Das ist Nonsens. Walter König sollte es eigentlich besser wissen: Das Reinheitsgebot ist kein Gesetz und rechtlich bindend ist es schon länger nicht mehr. Heute gilt die wenig archaisch klingende Bierverordnung, die auf die Durchführungsverordnung zum Vorläufigen Biergesetz verweist, was die Zutaten angeht. Für obergäriges Bier sind z.B. Zuckerarten, Süßstoffe und Farbstoffe erlaubt. Bei der Herstellung kommen bei manchen Brauereien, auch in Bayern, Anti-Gushing-Mittel, Betonite, Kieselgur oder stabilisierende Mittel wie PVPP zum Einsatz. Wenn alles theoretisch nach Plan läuft, wird die Chemie vor der Abfüllung allerdings wieder herausgefiltert. Leider ist es in der Vergangenheit mehrfach vorgekommen, dass Kieselgur mit Schwermetallen belastet war. Kurzum: Sicher kann man nicht sein, dass etwas migriert. Der rechtliche Rahmen, um das Gebräu „Bier“ zu nennen wurde dennoch eingehalten. Manche Brauer verwechseln das aber mit der Berechtigung, den beliebten Slogan „gebraut nach dem bayerischen Reinheitsgebot“ aufs Etikett drucken zu dürfen. Auf der Zutatenliste von 1516 waren diese Zusätze aber bekanntermaßen sicherlich nicht erwähnt.

 

Es ist ärgerlich, dass man laut Gesetz Biere „nach dem Reinheitsgebot“ bewerben darf, die definitiv mit anderen Substanzen gebraut wurden. Das ist aber kein Problem des Reinheitsgebots, sondern der gesetzlichen Vorgabe in Deutschland. Die einige Brauer schamlos ausnutzen.
 
 

Erdinger Weißbier – getreu dem bayerischen Reinheitsgebot von 1516

 
Manche Brauer wissen offenbar selbst nicht so genau was das Reinheitsgebot von 1516 besagt.
Trotz Weizen im Bier hat die Privatbrauerei Erdinger Weissbräu vor einiger Zeit „getreu dem bayerischen Reinheitsgebot von 1516 “ geworben. Blöd nur, dass das 1516 Gebot Weizen schlicht ausschließt.
 
Das ist ein grober Schnitzer und klare Verbrauchertäuschung. „Die Brauerei hat inzwischen eine Unterlassungserklärung abgegeben und zugesagt, künftig nicht mehr mit der Jahreszahl „1516“ zu werben. Dafür wird Erdinger eine Aufbrauchfrist bis zum 31. Juli 2016 gewährt“.
 
 
Der Präsident des Verbandes Privater Brauereien Bayern e.V. sagt folgendes:

„Nicht selten haben Lebensmittelskandale ihre Ursache in der Verwendung unklarer Stoffe.

 

„… die vier zugelassenen Rohstoffe Wasser, Malz, Hopfen und Hefe kennt ein Konsument und die Bierherstellung ist ein transparenter Herstellungsprozess.“

 
Auch das ist irreführend und hat im aktuellen Kontext des „Glyphosat-Skandals“ einen unschönen Beigeschmack. „Bayerisches Reinheitsgebot“ das klingt nach reinen Zutaten. Reinen Zutaten, wie aus einer Zeit, in der die Welt noch in Ordnung war. Ich finde tatsächlich, das klingt nach reiner, ursprünglicher Landwirtschaft. Agrarwirtschaft mit Pestiziden, Herbiziden und Kunstdüngern, bei denen Böden systematisch ausgelaugt werden, passt nicht in dieses Bild. Industriebauern sind aber mit Sicherheit immer noch der Hauptlieferant für Biere aus Bayern.
 
Jetzt könnte man sagen, dass sich in vielen Bieren Rückstände von Pestiziden finden, ist nicht verwunderlich. Bleiben wir beim aktuellen Beispiel: Von Glyphosat werden ca. 5.400 Tonnen alleine in Deutschland auf‘s Feld gefahren. Schadstoffe in Nahrungsmitteln ist ein Problem, damit stehen die Brauer aber ganz und gar nicht alleine da: Wenn man bedenkt, dass ein Brötchen quasi nur aus Mehl besteht, ein Bier aber nur aus z.B. 11% Stammwürze, kann man sich leicht ausrechnen, wo vermutlich mehr Schadstoffe, bedingt durch die Rohstoffe, enthalten sind.
 
Das Bier ist nicht verseucht und die minimalen Mengen von Glyphosat im Bier sind nicht bedenklich. Das sagt zumindest das Bundesinstitut für Risikobewertung. Wobei man wissen muss, dass das Bundesinstitut gerade bei diesem Thema in der Kritik steht, weil es laut ZDF Recherchen Pestizide wie Glyphosat 1. nicht mit unabhängigen Experten neu beurteilt und dass den Bewertungen (…) 2. keine unabhängigen Studien, sondern überwiegend von Herstellern wie Monsanto (Glyphosat) selbst in Auftrag gegebene Studien und auch Studien von unbekannter Herkunft, ohne Angaben zu den Autoren, zugrunde liegen. Auch Lobbycontrol sieht die Rolle des BfR kritisch. Ich weiß nicht was stimmt. Wenn der Name Monsanto fällt, sollte man aber grundsätzlich skeptisch sein. Das ist kein Konzern zum Wohle der Menschheit.
 
Studien und Risikobewertungen hin oder her: Auf der anderen Seite muss man wissen, es gibt auch Biere ganz ohne Glyphosat. Kleine und große bayerische Biobrauer wie z.B. das Brauhaus Bergmann (Glattbach), das Riedenburger Brauhaus (Riedenburg) oder Lammsbräu (Neumarkt) brauen mit Hopfen und Malz, das keine Rückstände von Pestiziden, Herbiziden und Kunstdünger enthält.
 
Das heißt, es geht auch ohne Rückstände von Pestiziden.
 
Fazit: Es ist ärgerlich, dass Verbände und viele Brauer nicht von sich aus begreifen, dass, wenn man sich mit dem Reinheitsgebot identifiziert und schmückt, es auch Ehrlichkeit bedarf, sonst fliegt einem das irgendwann um die Ohren. Das Gebot gebietet, dass man sich an die drei Zutaten + Hefe hält und man dann:
 
1. keine Hilfsstoffe beim Brauen verwendet
2. auf Zusätze (z.B. Farbstoffe, Zucker) verzichtet
3. keine belasteten Rohstoffe verwendet
 
Bei den Rohstoffen bedeutet das: Chargen zu prüfen und im Zweifel nur Bioqualität zu verwenden. Sonst ist das nämlich leider kein herausragender Verbraucherschutz.
 
 

Mehr Ehrlichkeit und eine Selbstverpflichtung zum Bayerischen Reinheitsgebot!

Wir brauchen keine Reform oder Abschaffung des Reinheitsgebotes. Auch dieses vorläufige Biergesetz kann uns egal sein. Was wir brauchen sind 100% ehrliche Brauer! Wer nicht nach dem RHG von 1516 braut, darf damit auch nicht werben. Wer sich mit dem Bayerischen Reinheitsgebot schmückt, der muss also naturreines Bier aus nur drei Rohstoffen + Hefe brauen. Denn das besagt es. Tut er es nicht, hält er sich nicht an das Reinheitsgebot und täuscht den Biertrinker, wenn er dennoch damit wirbt. Basta.
 
 

Fragen Sie nach. Fragen Sie die Brauerei ihres Vertrauens, wie sie das Bier braut!

Werden dem Dunklen „Farbstoffe“ hinzufügt oder ist die Farbe durch Röstmalze selbst erzeugt? Mit welcher Technik oder Chemie wird das Bier gefiltert oder geklärt? Kommen Zuckerarten zum Einsatz? Wir das Brauwasser aufbereitet, wenn ja wie? Woher stammt das Malz? Wir es geprüft oder ist es Bio? Wenngleich es für das Bayerische Reinheitsgebot nicht von Bedeutung ist und keine direkt Aussage über die Qualität und den Geschmack gibt: Lassen Sie auch etwas Wissen raushängen und fragen sie gleich, ob beim Hopfen ganze Dolden, Pellets oder Extrakt verwendet wird. Pellets müssen nicht schlecht sein! Extrakt ist kein besonders gutes Zeichen.
 
Das Reinheitsgebot ist so eine tolle Idee, die sich obendrein auch trefflich vermarkten lässt, dennoch riskieren Brauer – seit Jahrzehnten – dass es verwässert wird und zwar durch sie selbst. Dieses missglückte Verhalten ändert an der guten Idee allerdings rein gar nichts.
 

Ich schlage vor, wir feiern die Brauer, die sich wirklich an das bayerische Reinheitsgebot halten. Allen anderen sagen wir: Braut wie ihr wollt, aber bitte täuscht uns Verbraucher nicht mit falschen Etiketten und verhaltet euch euren Kollegen gegenüber nicht wettbewerbswidrig!
 

In diesem Sinne Prost auf die kommende 500-Jahrfeier!
  

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